Thomas Leif (SWR): Das Leitbild des unahängigen Journalisten ist ein Mythos


Re : Zensur durch Redakteure der dpa-Tochter ots -- DPN
Gepostet von DPN ® (Peter,DPN), May 02,2004,15:00 Antwort verfassen   Anfang des Threads   Forum
«Noch vor zwei Wochen war Bundesbankpräsident Ernst Welteke, der mit einem Jahresverdienst von 350000 Euro teuerste Staatsdiener der Republik, ein honoriger Banker und unbescholtener Bürger. Ein Redakteur des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« brachte durch seine Recherchen den Stein ins Rollen. Er fischte aus den Akten des Finanzamtes Frankfurt (Main) die Rechnung des Berliner Luxushotels Adlon von über 7661,20Euro. So viel hatte der Silvesterurlaub 2001 von Ernst Welteke und seiner Familie in der Hauptstadt gekostet. Der Vorstandschef der Dresdner Bank, Bernd Fahrholz, hatte Welteke zu einer Silvesterparty eingeladen und ihm von der Bank gleich den ganzen Berlinaufenthalt bezahlen lassen. Welteke empfand diesen Vorgang als völlig normal und deutete an, das diese Einladung nicht die einzige gewesen sei.
Diese Geschichte ist eine selten gewordene Perle des Recherchejournalismus. Denn diese Art des Journalismus ist innerhalb des Medienrummels vom Aussterben bedroht, befürchten Wissenschaftler und Mediengewerkschaften seit längerem. Recherchieren ist zeit- und kostenaufwändig. Zeitungsverleger und Senderchefs haben daher kaum noch Interesse, Redakteure für Recherchearbeiten freizustellen.
Thomas Leif, Fernsehjournalist beim SWR, und 40 Journalistenkollegen wollen sich nicht mit dieser Entwicklung abfinden. Im April 2001 gründeten sie den Verein »netzwerk recherche«, um »Recherche zu fordern und fördern«, so Leif, Vorsitzender des Netzwerks. Seine Einschätzung zum Zustand des Journalismus ist wenig schmeichelhaft, auch hält er das Leitbild des unabhängigen Journalisten für verklärend: »Das Leitbild des unabhängigen Journalismus ist doch ein Mythos«, so Thomas Leif. ... Dabei wurde schnell deutlich: Klüngel gibt es überall. Gerade in kleineren Städten ist das Beziehungsgeflecht zwischen Politikern, Unternehmern und meist auch Verlegern oder Chefredakteuren besonders eng. Viele Bürger nehmen daran keinen Anstoß, so dass es Jahre dauern kann, bis diese ländliche Idylle – meist von außerhalb – gestört wird.» (Hervorhebung durch Dr. Niehenke).


Related link: Journalisten - eitel und bestechlich? (Artikel in NEUES DEUTSCHLAND)

Siehe auch bei heise-online Im Seichten kann man nicht ertrinken.



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