| Gepostet von DPN ® , Apr 15,2004,01:38 | Antwort verfassen | Forum | |||

Unter der Überschrift Callboy-Zensur berichtete die taz am 10. 2. 2004 über einen geplatzen Auftrag des Schwulen-Magazins Du und Ich an den Pressedienst ots: «Die größte und damit einflussreichste Nachrichtenagentur in der Republik ist die Deutsche Presseagentur (dpa), die täglich tausende von journalistischen Meldungen über aktuelle Ereignisse an die verschiedenen MA weitergibt. Zusammen mit anderen Nachrichtenagenturen aus dem In- und Ausland ist sie die Hauptinformationsquelle für Journalisten. Auch Unternehmen, politische Organisationen, staatliche Stellen und PR-Agenturen haben die Möglichkeit, sich eines solchen Pressedienstes zu bedienen, um Kontakt zu den Medien und damit zur Öffentlichkeit herzustellen. Dafür ist der "Originaltextservice" (ots) zuständig, ein Tochterunternehmen der dpa-Firmengruppe. Für 290 Euro darf man quasi Werbung in eigener Sache machen, und wie der Name "Originaltextservice" schon sagt, werden die Meldungen nicht redaktionell bearbeitet, sondern im Original versendet. Normalerweise. Das funktioniert jedoch nicht immer. Manchmal, in ganz besonderen Fällen, behält sich ots durchaus vor, die Meldungen nach eigenem Geschmack zu verändern. Zum Vorteil des Kunden, versteht sich. So auch im Fall der Du und Ich-Schlagzeile. Nein, moralisch verwerflich habe er weder das Thema noch den Titel gefunden, erklärt Jens Petersen, der Head of Media Communications beim ots. Nur zum Text habe die Schlagzeile nicht gepasst - "zu reißerisch". ... Aus der ursprünglichen Schlagzeile "Zeitschrift verlost fünf Prostituierte" wurde "Du und Ich: Huren und Callboys sind soziale Dienstleister - Zeitung verlost fünf Prostituierte". Eine Präzisierung, um "Irritationen" der Empfänger zu vermeiden, so Jens Petersen. Er scheint besorgt um den hochsensiblen Leserkreis von Journalisten. (Anm. der Red.: Wir kennen derartige 'Sorgen' von der Neuen Juristischen Wochenzeitschrift, die auch sehr um den Seelenfrieden ihres Klientels bemüht ist und eine Daueranzeige für die Richterdatenbank deshalb stornierte, hier die Einzelheiten). Du und Ich-Chefredakteur Dirk Ludigs bezeichnet das Vorgehen des ots schlichtweg als einen "Akt der Zensur". Da er die Schlagzeile nicht ändern lassen wollte, ist der Auftrag geplatzt.»
Wir beabsichtigten, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf einen ungeheuerlichen Vorgang zu lenken, den wir hier im Beschwerdezentrum ausführlich dokumentiert haben (zu dem Artikel geht es hier): Eine Vorsitzende Richterin am Verwaltungsgericht Chemnitz, Angelika Petschel (alias Angelika Ziesch), hatte sich in einem Telefonat grundsätzlich dazu bereit erklärt, ehemaligen Genossen mit ihren richterlichen Entscheidungen 'entgegen zu kommen'. Sie wähnte am anderen Ende der Leitung einen 'Mielke-Mann', der sie auf Empfehlung ihres ehemaligen Stasi-Vertrauten anzurufen schien. - Wir sind noch immer der Meinung, dass diese Meldung für die Öffentlichkeit von großer Bedeutung wäre.
Also gaben wir am 12. 4. 04 gegen 15.00 Uhr via 'Webdesk' den Auftrag an ots, folgende Meldung zu verbreiten (der Link führt zur Auftragsbestätigung, die wir per Mail erhielten, und enthält den vollständigen Text unserer Meldung incl. der von uns gewünschten Schlagzeile): Rechtsbeugung zum Vorteil ehemaliger Genossen?. Nach Eingabe des Textes und unserer Daten wurde uns auf der vom Script generierten Bestätigungsseite zugesichert, dass wir per Telefon benachrichtigt würden. Doch dieses Versprechen wurde nicht gehalten, obwohl der Text etwa 17 Stunden vor dem von uns gewünschten Verbreitungstermin aufgegeben wurde. Mehr als 17 Stunden Bearbeitungszeit sind unseres Erachtens für eine Nachrichtenagentur wahrlich nicht gerade ein lobenswertes Bearbeitungstempo ...
Als wir den versprochenen Telefonanruf auch nach 24 Stunden noch nicht erhalten haben, melden wir uns unsererseits telefonisch bei der Redaktion, ohne jedoch mit einem Verantwortlichen verbunden zu werden. Dafür erhalten wir dann einige Stunden später vom verantwortlichen Redakteur für unseren 'Fall', Thomas Wagensonner, diese Email.
Thomas Wagensonner findet unseren Beitrag aber auch ganz generell (unter journalistischen Gesichtspunkten) völlig unannehmbar. (Ich denke bei mir: Er muss ihn doch auch nicht unterschreiben. Sie sollen ihn doch nur 'verteilen'.) So recht erklären kann oder will Wagensonner allerdings diesen seinen Eindruck auch nicht, aber wer die Macht hat, muss ja auch nichts 'erklären' ... - Das einzige konkret fassbare Argument besteht in seinem Hinweis, dass mit einigen in unserem Artikel aufgestellten Behauptungen schließlich auch 'Persönlichkeitsrechte' verletzt würden. Es ist nett, dass er uns, als den presserechtlich für diesen Beitrag Verantwortlichen, diesen wichtigen Hinweis gibt. Er ist eben der Meinung, dass wir der 'Hilfe' von 'richtigen Journalisten' bedürfen, so wie die Kollegen von der Du und Ich-Redaktion eben auch. Er wolle sich mit der Rechtsabteilung beraten, meint er (und ich frage mich, ob Herr Wagensonner wohl auch selbst zuweilen Zeitung liest und Fernsehen schaut). In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen behält sich ots vor, "das Material nicht zu verbreiten, wenn dieses offenkundig in grober Weise gegen Recht und Sitte verstößt" (Hervorhebung durch Red.) Das ist verständlich, doch verstößt es in grober Weise gegen Recht und Sitte, wenn man einen Justizskandal an die Öffentlichkeit bringen will? Ich versichere Wagensonner eindringlich, dass die von uns aufgestellten Behauptungen belegbar seien und dass wir uns darüber im Klaren seinen, dass die Verbreitung derartiger Behauptungen durch uns andersfalls auch einen Straftatbestand verwirklichen würden. Doch derartige Versicherungen führen nur zu weiteren reichlich 'teigigen' und zähen Argumentationsversuchen.
Ich gebe Wagensonner zu bedenken, dass es schwerlich möglich sein dürfte, einen Justizskandal aufzudecken, ohne dass dabei die Verantwortlichen für diesen Skandal bekannt würden. Ich appeliere an ihn, dass die Öffentlichkeit sogar ein Recht darauf habe, dass die Verantwortlichen genannt werden, wenn es sich um Richter oder hochrangige Behördenvertreter handle. Ich verweise darauf, dass das von uns gewählte Vorgehen doch für Journalisten nicht ungewöhnlich sei und bei Recherchen für allgemein hoch geschätzte Sendungen wie MONITOR oder PANORAMA etc. regelmäßig praktiziert werde.
Seine Antwort macht deutlich, was in ihm vorgeht: Das sei ja wohl etwas völlig Anderes, meint er, denn die in solchen Sendungen vorgestellten Fälle seien durch eine professionell arbeitende Redaktion sorgfältig recherchiert. - Aha!
Für einen Bericht nehmen wir durchaus in Kauf, dass wir uns von zukünftig möglicherweise wertvollen Informanten wie auch von bestimmten Werbe- und Verbreitungsmöglichkeiten 'abschneiden', wenn dies im Dienste dieses Berichts notwendig ist (siehe dazu Zypresse (Kleinanzeiger Freiburg): Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral oder Neue Juristische Wochenzeitschrift (NJW): Um den Seelenfrieden ihres Klientels bemüht). Wir können und das in einem Ausmaß leisten, wie das ein auf wirtschaftlichen Gewinn ausgerichtetes Unternehmen niemals wagen könnte. Wir verlassen uns auf das 'Elefanten-Gedächtnis' der Internets. Wir wissen, dass unseren Berichten und Informationen zwar der große Verbreitungsgrad fehlt, die dpa oder ots garantieren können, aber wir wissen auch, dass unsere Berichte jederzeit und so viele Jahre abrufbar sind, wie wir diese Informationen im Netz verfügbar halten. Für Jedermann jederzeit auf Mausklick verfügbar ...
Wir kommen aufgrund dieser Strategie nicht in Gefahr, es uns mit wichtigen Informanten nicht verderben zu wollen und wie ein Gerichtsreporter einer großen Zeitung in Freiburg zu handeln, der einem Justizopfer bedauernd mitteilte, dass er als Gerichtsreporter ein Stück weit auf die Justizbehörden angewiesen sei, weil er seine Arbeit als Gerichtsreporter gar nicht effektiv ausüben könne, wenn die Justizbehörden ihn völlig kaltstellen würden und ihm keinerlei Informationen zukommen lassen würden. Er könne sich daher 'wegen so einer (kleinen) Sache' (damit meinte er die vergleichsweise 'harmlose' Schweinerei, um die es in dem Gespräch ging) nicht leisten, den betreffenden Richter bzw. Staatsanwalt öffentlich anzuprangern.
Wir können uns leisten, soetwas zu tun, denn wir können uns keine Vorteile verscherzen, weil wir gar keine haben. Wir brauchen gar nicht damit zu rechnen, Informationen von den Behörden (-vertretern) zu bekommen. -- Wir sind daher allerdings auf Sie, verehrte Leserinnen und Leser, und auf auf die 'Betroffenen' angewiesen.
Die taz, meinte Thomas Wagensonner übrigens zu dem Bericht über den geplatzten Auftrag mit der Du und Ich-Redaktion, habe da 'aus einer Mücke einen Elefanten' gemacht. Ob diese Einschätzung realistisch ist? - Wir sehen es eher so, dass die Kollegen von der taz ein sensibles Gespür für Machtmissbrauch dokumentiert haben.
Die taz ist 'vergleichsweise' unabhängig. Welcher Journalist könnte es sich leisten, sich mit der mächtigen dpa anzulegen?
Dr. Peter Niehenke
Editor
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